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mid Le Mans - Der Porsche 919 Hybrid mit der Startnummer 2 macht nach 24 Stunden das Rennen. Mirko Stepan / mid
MOTORSPORT
Mirko Stepan - 19. Juni 2017, 09:51 Uhr MOTORSPORT

Le Mans 2017: Mehr als nur ein Rennen

Für Toyota sollte es die große Revanche werden, für Ford das Jubiläum nach dem Jubiläum - doch wie so oft haben die 24 Stunden von Le Mans ihre eigenen Gesetze. Das macht die Faszination dieses Langstreckenklassikers aus. Nur das?


Für Toyota sollte es die große Revanche werden, für Ford das Jubiläum nach dem Jubiläum - doch wie so oft haben die 24 Stunden von Le Mans ihre eigenen Gesetze. Das macht die Faszination dieses Langstreckenklassikers aus. Nur das?

"24 hours du Le Mans", 2017 in der 85. Auflage, ist eines dieser Autorennen, das jeder kennt, ob Rennsport-Fan oder überzeugter Fußgänger. Grand Prix von Monaco, Indy 500, Le Mans. Schon gehört? Selbstverständlich! Le Mans, das ist aber mehr als nur ein Autorennen, mehr als eine Materialschlacht, mehr als ein Traum für Fahrer und ein Prestige-Objekt für Hersteller. Le Mans, das ist Hingabe, seitens der Teams und der Fans. Eine Herzensangelegenheit.

Wenn in der Tram T 1, die von der Universität raus aus dem Stadtzentrum bis zur MM-Arena und zum Osteingang der Strecke fährt, aus Smartphones die britische Hymne dudelt, die lauthals und mehrstimmig mitgesungen wird, es nach einer Mischung aus Sonnencreme, Bier und Schweiß riecht und freundliche, aber bestimmte Helfer in blauen Uniformen und Neon-Warnwesten dabei helfen, die Straßenbahn-Türen zu schließen, damit die Menschenmasse darin nicht einfach herausquillt, dann ist Rennwochenende in der französischen Stadt Le Mans.

Die britischen Fans sind es, die dieses Rennen zu einem Fest machen, die die Innenstadt in eine Partymeile verwandeln. Die französischen Fans geben dem Rennklassiker etwas Erhabenes. Wenn zigtausend Besucher auf der Haupt-Tribüne kurz vor dem Start die französische Nationalhymne so inbrünstig mitsingen, dass es selbst dem emotionslosesten Besucher eiskalt den Rücken herunterlaufen muss, dann - spätestens dann - ist klar: Le Mans ist mehr als eine Motorsport-Veranstaltung. Le Mans ist eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung. Denn alle Welt blickt nach Frankreich, aus aller Welt kommen Besucher. Am Freitagabend nach der Fahrerparade spielt ein Duo aus Mexiko vor einer kleinen Bar in der Altstadt. Gitarre und Gesang, Franzosen und Engländer - und das Fest ist perfekt. Dass die beiden nicht wegen des Rennens in Le Mans sind, interessiert niemanden. In diesem Moment sind sie deswegen hier, wie alle anderen knapp 300.000 Renn-Fans auch.

Der Reiz der 24 Stunden von Le Mans liegt auch darin, dass die Bürger der Stadt ihr Rennen zu lieben scheinen. Die Chequered Flag, die schwarz-weiß-karierte Zielflagge, ist allgegenwärtig. Von der Bier-Bar bis zum gediegenen Weinlokal, in dem es am Rennwochenende natürlich auch Bier gibt, und zwar aus Plastikbechern. 600 freiwillige Helfer sind bei der Fahrerparade rund um den Platz der Republik im Einsatz, ein Ereignis, bei dem an anderen Orten nicht einmal 600 Besucher kommen würden. In Le Mans sind es mehr als 150.000.

Der Reiz von Le Mans liegt natürlich auch im sportlichen Bereich: 38 Kurven, 13,629 Kilometer Streckenlänge, rund 330 km/h Höchstgeschwindigkeit, 60 Autos, 180 Piloten, vier Klassen namens LMP1, LMP2, LMGTE Pro, LMGTE AM. Große Namen sind dabei. Porsche und Toyota, Ford, Ferrari, Chevrolet und Aston Martin, Ligier, Alpina, Dallara. Rennsport-Tradition bis zum Überkochen. Audi fehlt in diesem Jahr, Le-Mans-Veteranen berichten, woran man das unter anderem merke: Eine riesige Fläche, auf der in den Vorjahren die Ring-Marke ihr Lager aufgeschlagen hatte, liegt brach. Der Stimmung tut's keinen Abbruch.

Audi fehlt also, alle anderen wollen den Titel in ihrer Klasse, diesen besonderen, prestigeträchtigen Triumph. Dirk Müller, Werksfahrer beim Team Ford Chip Ganassi Racing und Titelverteidiger in der LMGTE Pro erzählt von den Gefühlen, die einen übermannen, wenn der Triumph geschafft, der Sieg eingefahren, der Platz in den Motorsport-Geschichtsbüchern gesichert ist. Dann dürfen Tränen fließen, es ist ja nicht irgendein Rennen.

Müller durfte das 2016 erleben, bei der Mission Jubiläumssieg. Für ihn ein Dreifach-Triumph, wie er verrät. Denn er saß beim Start am Lenkrad, dass er sich mit den Teamkollegen Sébastien Bourdais - diesmal verletzungsbedingt von Tony Kanaan ersetzt - und Joey Hand teilte. Und er fuhr mit dem Ford GT Performance über die Ziellinie, um den Sieg perfekt zu machen. 50 Jahre, nachdem Firmengründer Henry Ford einem gewissen Enzo Ferrari mit dem neu konstruierten GT40 gezeigt hatte, wo der sportliche Hammer hängt, hatte Ford im Vorjahr den GT nach Le Mans geschickt, um in der Pro-Klasse diesen historischen Sieg zu wiederholen. Mit Erfolg.

Ausschließlich für diesen Sieg in Le Mans ist der GT auf die Räder gestellt worden, 250 werden jährlich vier Jahre lang gebaut, so der Plan. 1.000 Mal eine Legende, auch wenn es nur die Straßenversion ist. Wohlhabende Fans lecken sich die Finger danach. Und weil Jubiläumssiege die schönsten Siege sind, sollte auch 2017 wieder einer her: 1967 hatten die beiden US-Piloten Dan Gurney und A.J. Foyt in Le Mans den zweiten von insgesamt vier Siegen in Serie für den Ford GT40 eingefahren und das geschafft, was Niki Lauda gerne als besonders schwierig bezeichnet: einen Titel erneut geholt, die Leistung aus dem Vorjahr bestätigt. Kleine Anekdote: Dan Gourney soll bei der Siegerehrung das bis heute beliebte und zelebrierte Motorsport-Ritual des Champagner-Spritzens erfunden haben. Wo sonst, wenn nicht Le Mans?

Hier gewinne das Team, dass sich die wenigsten Fehler erlaubt, sagt Raj Nair, Leitender Vizepräsident der Ford Motor Company und Präsident von Ford in Nordamerika. Natürlich bedarf es auch einer Top-Technik, eines siegfähigen Autos und Spitzenfahrern, aber die kleinen Fehler sind es, die oft über Sieg oder Niederlage entscheiden. 2017 reicht es für den Ford GT nicht für den Le Mans-Triumph, Aston Martin, vom europäisch-amerikanischen Team schwächer eingeschätzt, hat die Nase vorn. Erst dann kommt der Ford GT von Andy Priaulx, Harry Tincknell und Pipo Derani mit der Startnummer 67. Für den GT mit der 68 um Dirk Müller reicht es nur für den sechsten Platz, die beiden anderen Ford GT landen auf sieben und zehn.

Auch in der LMP1 kommt es nicht zur großen Revanche. Nachdem im Vorjahr der in Führung liegende Toyota fünf Minuten vor Schluss des 24 Stunden Rennens mit technischem Defekt ausgeschieden war und der Sieg an Porsche ging, wollten die Japaner einen zweiten Angriff in der Königsklasse der Sportwagen-Rennen starten. Rundenrekord im Qualifying, Pole Position. Perfekte Vorzeichen.

Fast Hollywood-reif, doch den abendfüllenden Spielfilm über Le Mans gibt's ja bereits seit fast fünf Jahrzehnten. Wen wundert's. Doch dann fallen zwei der drei Toyota Rennwagen vom Typ TS050 Hybrid nach technischem Defekt und einer Kollision aus, der dritte hinkt hinterher. Toyota gelingt auch im 19. Anlauf nicht der Sieg beim Klassiker. Porsche steht am Ende auf dem obersten Treppchen. Zum 19. Mal. Der Porsche 919 Hybrid mit der Startnummer 2, pilotiert von Brendon Hartley, Earl Bamber und Timo Bernhard, hatte zwischenzeitlich fast 19 Runden Rückstand. Das ist Le Mans.

Mirko Stepan / mid

Dieser Artikel aus der Kategorie MOTORSPORT wurde von Mirko Stepan am 19.06.2017, 09:51 Uhr veröffentlicht.