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Die mid-Zeitreise: Rausch-Zustände am Lenkrad
mid Groß-Gerau - "Überhebliche Charaktere dürften eigentlich nicht am Steuer eines Autos sitzen" - so das Fazit eines mid-Textes vom 1. Januar 1968. DVR
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Jutta Bernhard - 2. Januar 2018, 14:37 Uhr OLDTIMER

Die mid-Zeitreise: Rausch-Zustände am Lenkrad

Am 1. Januar 1968 berichtete der mid im 17. Jahrgang über Raser im Straßenverkehr mit Ausführungen der Deutschen Verkehrswacht.


"Die meisten Unfälle beim Autofahren passieren fast immer in einem Rauschzustand", erklärte kürzlich der bekannte Münchner Psychiater Dr. Ernst von Xylander. Er meinte dabei nicht den Alkoholrausch, sondern den "Autorausch", eine Mischung von Geltungstrieb und Aggressionstrieb! "Gefühlsterror von Neurotikern tobt sich auf Deutschlands Straßen aus." Dieser Vorspann veranlasste die Deutsche Verkehrswacht zu den nachfolgenden Ausführungen:

Psychiatrische Untersuchungen beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit dem Problem der Autoraserei. Eines steht fest: Es ist bei weitem nicht immer Zeitmangel, der den Autofahrer veranlasst, das Tempo ins Unverantwortliche zu steigern und sich damit zu brüsten. Wie oft sitzen die Raser nachher im Büro, zu Hause oder in einer Gaststätte herum und wissen oft nicht die Zeit totzuschlagen. Welcher Natur ist diese Rauschsucht? Dr. von Xylander rechnet den "Rausch der Geschwindigkeit" zu den echten Manien. Es sei ein Vergleich mit der Psychologie der Halbstarken angebracht. Auch hier - bei den Halbstarken - der Rausch der Überhobenheit, ein Überfordern der eigenen und natürlichen Kräfte.

Autofahren Charaktersache

Das schnelle Fahren ohne Schienenweg gehe nun einmal weit über die physiologischen und biologischen Möglichkeiten des Menschen hinaus. Auch der noch so selbstsichere Fahrer schwimmt bei größeren Geschwindigkeiten. Gerade deshalb ist und bleibt das Umgehen mit einer enormen technischen Energie, die ungeheure Fahrgeschwindigkeiten zu entwickeln vermag - und das auf offener Landstraße - immer Charaktersache. Überhebliche Charaktere dürften eigentlich nicht am Steuer eines Autos sitzen. Sie sind und bleiben eine Gefahr für die Allgemeinheit. Sie sind dem "Narkotikum" Geschwindigkeit zugänglich. Und wie bei der Einnahme aller Rauschgifte, so entsteht auch hier bald die Süchtigkeit. Das Geschwindigkeitsgefühl ist eine Art Schwindelgefühl; es pulvert auf.

Die Reaktionsgeschwindigkeit

Schnell fahren kann eigentlich jeder, wenn er nicht gerade ein Anfänger ist. Damit zu prahlen ist barer Unsinn. Auf die Fahrgeschwindigkeit kommt es ja gar nicht an, sondern auf die Reaktionsgeschwindigkeit und darauf, dass uns unsere eigene bekannt ist. Je schneller ein Auto dahinschießt, desto rascher tritt der Kulminationspunkt für unser Auge in Erscheinung, das nun einmal nicht das Auge des Albatrosses ist. Die "Belichtungszeit" ist für unser Auge zu kurz geworden, das Bild kommt auf der Netzhaut nicht zur Wirkung. Der Bildwirkungs-Vorgang bleibt wirkungslos, sobald seine Ablaufzeit kürzer ist als die Reaktionsgeschwindigkeit des aufnehmenden Organs. Nun schwimmen wir.

Das Auto ist nicht schuld

In diesem Augenblick wird der charaktervolle Autofahrer den Fuß vom Gashebel nehmen, der verantwortungslose Psychopath aber nicht. Was nun geschehen kann, dessen ist sich dieser Fahrer im Augenblick der Gefahr nicht rechtzeitig bewusst. Er muss versagen. Aber er hätte vorher reagieren müssen, als er merkte, dass sein Reaktionsvermögen überbeansprucht war. Diese Feststellung aber ließ sein neurotischer Geltungsdrang nicht zu. Ans Steuer gehören deshalb nicht nur körperlich gesunde Menschen, sondern auch nur seelisch gesunde. Das Auto ist nicht schuld, schuldig ist immer der Mensch - der irrende oder besserwissende oder unbeherrschte oder selbstherrliche Mensch ......

Dieser Artikel aus der Kategorie OLDTIMER wurde von Jutta Bernhard am 02.01.2018, 14:37 Uhr veröffentlicht.