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12Panorama: Vergangenheit trifft Zukunft - Back to the Future mit 40 PS
Zu seiner Zeit war der Simplex mindestens so revolutionär wie heute ein Tesla oder die autonomen Autos von Google Foto: Daimler/Stephen Reuss
SPECIALS
Benjamin Bessinger/SP-X - 26. Januar 2018, 16:07 Uhr SPECIALS

Panorama: Vergangenheit trifft Zukunft - Back to the Future mit 40 PS

Unterschiedlicher als der Mercedes EQ C und der Mercedes Simplex können zwei Autos kaum sein. Doch der Bote aus der elektrischen Zukunft und der Sportwagen von gestern sind sich näher als man glaubt. Erst recht hier im Silicon Valley.

Auf der Hauptstraße alle paar Minuten ein Roboter-Auto von Google, in der Rushhour mehr Teslas als Toyotas, der Nissan Leaf und der Chevrolet Bolt allgegenwärtig und an jeder dritten Ecke irgendein getarnter Prototyp von Ford, Mercedes, Hyundai oder Volkswagen: Wenn man die Autos von morgen sehen will, muss man mittlerweile ins Silicon Valley fahren. Denn seit alle Welt vom Elektrofahrzeug redet, die Rechengeschwindigkeit der Prozessoren im Auto wichtiger wird als die Leistung des Motors und das autonome Fahren mittlerweile greifbar erscheint, hat sich der Hotspot der Halbleiter-Industrie auch zum Nabel der PS-Welt entwickelt.
 
Doch so sehr sich Newcomer wie Tesla und Seiteneinsteiger wie Google oder Apple um die Deutungshoheit über die Zukunft des Autos bemühen, so tapfer verteidigen die alten Riesen ihr Reich und machen sich deshalb auch im Silicon Valley breit. Niemand meint es damit so ernst wie Mercedes. Denn die Schwaben waren nicht nur die ersten, die hier eine Stunde südlich von San Francisco eine Repräsentanz eröffnet haben. Ihr Forschungspalast in Sunnyvale zählt mittlerweile natürlich zu den größten. Vor allem kann kein anderer Autohersteller so viel Erfindergeist für sich reklamieren wie der Erfinder des Automobils persönlich. Und Mercedes kann mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen, ebenfalls ein Start-Up-Unternehmen zu sein, das seinen Anfang genau wie Apple & Co in einer Art Garage genommen hat. Nur dass die improvisierte Keimzelle nicht wie bei Steve Jobs im 2066 Crist Drive in Los Altos stand, sondern dass Gottlieb Daimler das Gartenhaus seiner Villa in Bad Cannstatt als Werkstatt genutzt hat - und zwar schon 1886 statt 1976.
 
Doch mit dem Blick zurück kommt man in Mekka der Zukunftsmacher natürlich nicht weiter. Deshalb arbeitet auch Mercedes hier an der Neuerfindung des Autos, schickt Dutzende autonome S- oder V-Klassen durch Palo Alto, Mountain View und Sunny Vale hat nicht umsonst gerade den EQ C über den Atlantik geflogen. Denn als erstes designiertes Elektroauto der Schwaben soll der kompakte Geländewagen den Großkonzern in eine neue Zeit führen, die Daimler-Chef Zetsche gerne mit den Buchstaben CASE für connected, autonom, shared und elektrisch beschreibt. Die völlige Vernetzung, das autonome Fahren, das Teilen als neues Nutzungsprinzip und der Elektromotor anstelle des Benziners stehen in seinen Augen für eine neue Ära, in der Mercedes als ältester Spieler aber weiter den Ton angeben will. Dass es die Schwaben es durchaus verstehen, bestehendes in Frage zu stellen und sich selbst neu zu erfinden, beweist das zweite Auto, das diese Zeitreise begleitet: Ein Mercedes Simplex von 1902. Der weiße Riese hat zwar mittlerweile 115 Jahre auf seinen klapprigen Holzrädern. Aber zu seiner Zeit war er mindestens so revolutionär wie heute ein Tesla oder die autonomen Autos von Google - und zwar nicht nur, weil der Sportwagen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 111 km/h mal als schnellstes Auto der Welt gegolten hat.
 
Sondern weil der Wagen so einfach zu bedienen war, dass Kaiser Wilhelm II. ihn bei einer Jungfernfahrt höchstpersönlich zum ,,Simplex" gestempelt und Mercedes den Vorschlag dankbar aufgegriffen hat. Wo man zum Starten oft nicht einmal mehr einen Zündschüssel braucht, klingt die leidige Routine aus Tröpfchenschmierung kontrollieren, Kompression in den Zylindern erzeugen, Druck auf die Benzinleitung bringen und im Anschluss dran der kräftezehrende Kampf mit dem Schwungrad nach automobiler Steinzeit und ist etwa so antiquiert wie die Fahnenschwenker, die früher noch vor den Autos herlaufen mussten und so buchstäblich den Fortschritt eingebremst haben. ,,Doch als der Wagen 1902 auf den Markt kam, war das eine Revolution", sagt Michael Plag aus der Museumswerkstatt von Mercedes. Denn mit dieser Konstruktion haben Gottlieb Daimler und sein Chefingenieur Wilhelm Maybach endgültig Abschied vom damals vorherrschenden Kutschenstil genommen und so das erste moderne Automobil gebaut. Und das erste Auto, das die Millionäre dieser Zeit auch ohne Mechaniker bedienen konnten, sagt Plag.
 
Aber nicht nur der Start war im Simplex eine für damalige Verhältnisse simple Sache, auch das Fahren geht einfacher als gedacht. Während man bei älteren Autos noch Riemen auf unterschiedliche Treibräder wuchten muss, um die Gänge zu wechseln, und nebenbei mit der einen Hand Gas gibt und der anderen das Gemisch regelt, hat der Simplex schon eine richtige Gangschaltung. Die ist allerdings außen an der Karosserie angeschlagen, die Pedale sind vertauscht und die aus Messing gegossene Kupplung geht so schwer, dass man zum Feingefühl eines Balletttänzers die Kraft eines Profikickers im Fuß haben muss:
Auskuppeln, Gang rausnehmen, Kupplung im Leerlauf schließen, kurz Gas geben, dann wieder öffnen, Gang einlegen und gaaanz, gaaanz sachte kommen lassen und nebenbei auch noch darauf achten, dass einem der Motor dabei nicht ausgeht - wer das einmal raushat, der fährt mit dem Simplex irgendwann fast so selbstverständlich wie mit einer A-Klasse. Und zumindest für amerikanische Verkehrsverhältnisse hat der Oldtimer allemal genügend Kraft: Der Vierzylinder ist mit seinen 6,8 Litern Hubraum größer als bei manchem Pick-Up der V8 und selbst wenn man über 40 PS heute nur lachen kann, schafft es der Simplex noch immer auf mehr als 100 Sachen und traut sich deshalb sogar auf den Highway.
 
Entsprechend tapfer schlägt er sich selbst im Stadtverkehr von Sunnyvale und Mountain View und als er durch die Palmenallee auf dem Campus der berühmten Standford-Universität rollt, hat man das Gefühl für die Zeit längst vergessen: Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft - in Silicon Valley gehen die Uhren anders und der innere Kalander kann schon mal durcheinander kommen.
 
Beim Kalibrieren dieses Kalenders hilft der letzte Stopp auf der Zeitreise zurück in die Zukunft des Automobils. Denn der Tag zwischen Entwicklungslabors und Forschungszentren, Think Tanks und Start-Ups, Inkubatoren und Braintrusts endet auf dem Gelände von Google, wo der Mercedes von Gestern mehr Aufsehen erregt als die ganzen Robotaxen und Prototypen für morgen. Und natürlich auch mehr Fragen aufwirft. Doch zumindest damit haben die Passanten hier kein Problem. Denn alles was sie wissen wollen, finden sie mit ihrer eigenen Suchmaschine - auf 257.000 Treffer-Seiten.

Dieser Artikel aus der Kategorie SPECIALS wurde von Benjamin Bessinger/SP-X am 26.01.2018, 16:07 Uhr veröffentlicht.