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Die mid-Zeitreise: USA: Zurück zu
mid Groß-Gerau - Ende der 1980er beobachten Autoexperten einen Trend zu Größe und Extravaganz in der US-Autobranche. General Motors
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Bianca Burger - 3. Dezember 2018, 18:03 Uhr OLDTIMER

Die mid-Zeitreise: USA: Zurück zu "Glitz und Glamour"

Am 19. Dezember 1988 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 37. Jahrgang über das Wachstum am US-Automarkt.


Am 19. Dezember 1988 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 37. Jahrgang über das Wachstum am US-Automarkt.

Ein knappes Jahrzent lang haben die US-amerikanischen Autohersteller Pkw als relativ funktionale Transportmittel konstruiert, mit denen die Nutzer kostengünstig und sicher von Punkt A zu Punkt B gelangen konnten. Diese Phase scheint mit der Hinwendung der amerikanischen Autofahrer zu "Glitz und Glamour" wieder ein Ende zu finden. Soweit es Detroit, das Synonym für die amerikanische Autoindustrie, betreffe, konstatiert das Wall Street Journal, gehe damit ein "nationaler Albtraum" zu Ende: Die Rückkehr zu "Glitz und Glamour" bedeute Zusatzprofite für die Autoindustrie. Traditionell habe dieser Zweig einen überproportional hohen Gewinn durch Sonderausstattungen erreicht. General Motors biete inzwischen für seine Cadillacs eine 24-Karat-Zusatzlackierung in Gold an. Kostenpunkt für den Liebhaber: 395 Dollar - Kostenpunkt für den Hersteller: Vermutlich minimal. Doch, so der Autor, auch die kleinen Dinge helfen weiter - in diesem Jahr dürfte bei "Big Three", General Motors, Ford und Chrysler, ein Rekordgewinn von elf Milliarden Dollar zu erwarten sein.

Doch es geht nicht nur um "Glitz und Glamour". Auch an stärkeren Motoren lässt sich im Vergleich zu kleinvolumigen Maschinen mehr verdienen. Die Nachfrage nach größeren, leistungsfähigeren Autos habe Detroit veranlasst, die Regierung zur Korrektur ihrer Ziele hinsichtlich verschärfter Treibstoffökonomie zu drängen. Wie bekannt, war Detroit erfolgreich, der Clean Air Act wird weniger rigoros als ursprünglich geplant gehandhabt.

Niemand in den USA glaubte, dass die USA zu den alten Zeiten, als große Chrysler Imperials oder Zweieinhalb-Tonner Cadillacs über die Highways brausten, zurückkehren werde. Immerhin sei der neue DeVille noch 40 cm kürzer als die 81er Version. Der derzeitige Trend in Richtung Größe und Extravaganz habe dennoch Alarm bei Verbraucher- und Umweltschutzgruppen ausgelöst. Ihre Kritikpunkte: größere Maschinen bedeuten mehr Benzinverbrauch und damit mehr Umweltverschmutzung, zudem verleite die höhere PS-Zahl zu riskanterem Fahren und damit zu größeren Sicherheitsproblemen. Für Clarence Ditlow vom Center for Safety in Washington, D.C., sind die USA wieder bei den angeblich goldenen 50er und 60er Jahren angelangt, als die Autohersteller alles produzieren und verkaufen konnten, ohne sich um öffentliche Sicherheit, Energieeinsparung oder Luftverschmutzung scheren zu müssen. Doch Witlow ist auch überzeugt, dass der Trend nicht lange anhalten wird. "Das ist ein letztes goldenes Auflacken", betont er gegenüber der Zeitung, das in den neunziger Jahren wieder verlöschen werde. Er ist zuversichtlich, dass Fragen des Umweltschutzes und der Verkehrssicherheit wieder mehr in den Mittelpunkt rücken werden.

Einstweilen denken die Wissenschaftler über eine Erklärung des Trends in Richtung voluminöse Wagen nach. Michael T. Marsden, Sozialwissenschaftler an der Bowling Green State University in Ohio, versucht es auf diese Weise: Wenn sich ein Land um seine Fähigkeit sorge, die Welt zu kontrollieren, reduziere es die Größe seiner Autos. Wenn die Zuversicht zurück kehre, würden anstelle der Kleinwagen wieder großformatige Fahrzeuge produziert. Vielleicht, so das Journal, sei dies die Erklärung für die kleineren Wagen zu Beginn der 80er Jahre, wobei er an die Iran-Geisel-Krise erinnert, und dafür, dass die Autos jetzt (er erwähnt die US-Bombe auf Libyen, den Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan und die Wiederbelebung der Heckflossenkultur durch General Motors) wieder aufblähten. Juliet Flower MacCannell, Mitherausgeberin des American Journal of Semiotics, dagegen, psychoanalytisch ausgerichtet, versuchte es mit dem Libido-Ansatz: Die fünfziger Jahre mit ihren großen, luxuriösen, kurvenreichen Autos seien ein Ausdruck extremer Verdrängung gewesen. Dies geschehe heute wieder, und die Libido finde wiederum ihre Objekte in der Fahrzeugkultur.

Die Amerikaner jedenfalls scheinen sich - vielleicht zu recht - um solche spitzfindigen Erklärungsversuche wenig zu kümmern. Sie sorgen stattdessen für Rekordabsatzzahlen, so dass der Autoverkehr zu ersten Mal seit 1980 schneller wächst als der Flugverkehr. Jeder fünfte Haushalt verfügt über mindestens drei Fahrzeuge. Durchschnittlich 24 Wochenlöhne (1978 nur 18) legen die Käufer für ihren Traumwagen hin, die Bereitschaft, sich für ein Auto zu verschulden, wächst. Kein Wunder also, dass Ford in 30 US-amerikanischen Städten Parties zur Einführung der neuen Thunderbird- und Mercury Cougar-Coupes gegeben hat, auf denen 15.000 Gäste per spezieller Satellitenübertragung den Entertainer Dirk Clark bewundern konnten. Fords Zielgruppe für die neuen Autos mit 3,8 Liter-Maschine in der Normalausführung (25 Prozent des Absatzes erhofft sich der Hersteller allerdings von der "Supercharger"-Version): auf ihr Image bedachte Männer mit kleiner Familie und großem Interesse an Autos.

Dieser Artikel aus der Kategorie OLDTIMER wurde von Bianca Burger am 03.12.2018, 18:03 Uhr veröffentlicht.