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Die mid-Zeitreise: Fahrbericht Yamaha Zest 50 - klein, aber rollig
mid Groß-Gerau - Selbst zweiköpfige "Familien" sind dem Yamaha Zest willkommen. Die üppige Sitzbank lädt geradezu zur Doppelbesetzung ein. Archiv Motor-Informations-Dienst (mid)
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Motor-Informations- Dienst (mid) - 31. Dezember 2020, 13:38 Uhr OLDTIMER

Die mid-Zeitreise: Fahrbericht Yamaha Zest 50 - klein, aber rollig

Am 11. Juli 1994 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 43. Jahrgang über den Motorroller Yamaha Zest 50.


Am 11. Juli 1994 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 43. Jahrgang über den Motorroller Yamaha Zest 50.

Motorroller sind eine besondere Spezies von Zweiradfahrzeugen. Ältere Mitmenschen erinnern sich an die 1950er Jahre und verbinden mit den verkleideten Einspurfahrzeugen ein preiswertes Transportmittel für Mensch und Last. Die jüngere Generation denkt an "Bella Italia" und nutzt den Motorroller für die Fahrt zur Disco oder zum Strandbad. Hohes Ansehen genießen die kleinen und wendigen Gefährte auch in den erlauchten Kreisen der Verkehrsexperten. Motorroller gelten als Teillösung heutiger und zukünftiger Verkehrsprobleme. Elektromotoren als umweltfreundliche Antriebsquelle sind hier ebenso im Gespräch wie Überrollbügel mit integriertem Wetterschutz zur Verbesserung der Alltagstauglichkeit.

Bislang jedoch kommen Motorroller noch in eher traditioneller Form daher. Der Yamaha Roller Zest 50 ist auch so bereit, die Umwelt und die Straßen zu entlasten. Gerade einmal 1,2 Quadratmeter oder ein Fünftel eines Autoparkplatzes nimmt er an Stellfläche ein. Ein durchschnittlicher Normalbenzinverbrauch von knapp 3,5 Litern auf 100 Kilometer könnte für die Zukunft sicherlich noch reduziert werden. Doch schneidet ein Auto im direkten Vergleich ungleich schlechter ab. Selbst zweiköpfige "Familien" sind dem Zest willkommen. Die üppige Sitzbank lädt geradezu zur Doppelbesetzung ein.

Auch als Transporter eignet sich der Yamaha-Roller: Die neue Stereoanlage lässt man zwar besser vom Händler anliefern. Aber der Mineralwasserkasten, der findet Platz an Bord. Mit 49 ccm Hubraum, 2,9 kW/3,9 PS bei 6.500 U/min und dem "kleinen Nummernschild" ist der Roller per Gesetz maximal 50 km/h schnell. Und das reicht in der Stadt und auf Kurzstrecken normalerweise aus. An eines muss man sich indes bei diesem Zweirad-Genre gewöhnen: Alle Arten von Schnellstraßen sind gesetzlich tabu. Auf dem Weg von A nach B entdeckt man so zwangsweise neue Wege, was sowohl Umwege als auch bislang unentdeckte Schleichwege von der Wohnung zur Arbeitsstätte bedeuten kann.

Rollerfahren ist kinderleicht. Zumindest im "Zest"-Fall. Zum spontanen und stets problemlosen Starten stehen ein Elektro- und ein Kickstarter zur Verfügung. Ein Choke fehlt, ist aber dank selbstständiger Gemischanreicherung auch absolut überflüssig. Soll es per Knopfdruck losgehen, heißt es gleichzeitig Bremshebel ziehen, Knopf drücken und Gas geben. Und dann kommt Bewegung auf - sofort. Automatisch funktionieren Kupplung und Getriebe. Jetzt heißt es nur noch: "Füße hochgestellt", und man fädelt sich unter Gasgeben in den Verkehr ein. 30, 40, 50 - und bis hoch zu Tacho 65 km/h bei Rückenwind oder Gefälle - schneller geht es dann nicht mehr.

In Sachen Beschleunigung allerdings kann der gebläsegekühlte Einzylinder-Zweitakter mit Membraneinlass beim Sprint von Ampel zu Ampel mit normal anfahrenden Pkw mehr als mithalten. Steigungen sind indes gar nicht gerne gesehen. Dem Zest geht hier die Puste aus. Damit dem Benzinvorrat nicht gleiches widerfährt, sollte man der Benzinanzeige im Cockpit nur bedingt trauen und nach etwa 150 zurückgelegten Kilometern in aller Ruhe die nächste Tankstelle suchen. Der Tank unter der hochgeklappten Sitzbank bunkert sieben Liter Sprit. 80 Kilogramm soll das Yamaha-Bike auf die Waage bringen. Mag sein. Doch ob man nun den Zest auf den Hauptständer aufbockt oder ihn alleine in eine Großraumlimousine bugsiert - beides ist absolut kein Problem. Das gilt auch für die Fahrt durch den Großstadtverkehr. Den Lenker scharf angeguckt und der Roller wechselt blitzschnell die Spur.

Der gebotene Sitzkomfort ist zum einen der gut gepolsterten Sitzbank und zum anderen der soften Federungsabstimmung der hydraulischen Telegabel und dem Federbein hinten zu verdanken. Kurze, harte Stöße kommen jedoch direkt durch und weisen den Zest ebenso in die Schranken wie kräftige Windböen oder die Pendelerscheinungen bei schnellen Fahrten auf unebenen Straßen. Straßenbahnschienen steuern die 10-Zoll-Räder auch nicht freiwillig an.

Das Blechkleid vom Hinterrad bis zur Lampe schützt die untere Körperhälfte vor hochkonzentrierter Feuchtigkeit, ein optional erhältliches Windschild nimmt sich des Oberkörpers an. Serienmäßig bietet der Yamaha-Roller ein Integralhelmfach unter der verschließbaren Sitzbank, einen Gepäckträger, einen bequemen Soziasitz und eine Digitaluhr im Cockpit. Ein Handschuhfach ist ebenso wie ein Topcase für den Gepäckträger gegen Aufpreis erhältlich.

Stolze 4.500 DM kostet der agile Stadtflitzer, so dass relativ hohe Anschaffungskosten niedrigen Betriebskosten gegenüberstehen. Alltagstauglichkeit, Problemlosigkeit und Fahrspaß des 50 ccm-Rollers könnten sogar den einen oder anderen Zweitwagen-Kandidaten ins Grübeln bringen.

Dieser Artikel aus der Kategorie OLDTIMER wurde von Motor-Informations- Dienst (mid) am 31.12.2020, 13:38 Uhr veröffentlicht.