ALLRAD-NEWS

Die mid-Zeitreise: BMW R 100 R - die Unverkleidete
mid Groß-Gerau - BMW ist mit der R 100 R ein großer Wurf gelungen: 4.337 Motorradfahrer entscheiden sich 1992 für die Deutsche Unverkleidete. Damit setzt sich die "R" im eigenen Hause gegen die beliebte Reise-Enduro R 100 GS durch. Archiv Motor-Informations-Dienst (mid)
MOTORRRAD
Motor-Informations- Dienst (mid) - 8. Mai 2020, 11:26 Uhr MOTORRRAD

Die mid-Zeitreise: BMW R 100 R - die Unverkleidete

Am 7. Juni 1993 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 38. Jahrgang im Fahrbericht über die BMW R 100 R.


Am 7. Juni 1993 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 38. Jahrgang im Fahrbericht über die BMW R 100 R.

BMW ist mit der R 100 R ein großer Wurf gelungen: 4.337 Motorradfahrer entschieden sich im letzten Jahr für die Deutsche Unverkleidete. Und damit setzte sich die "R" nicht nur gegenüber den ausländischen Konkurrenten, sondern auch im eigenen Hause gegen die beliebte Reiseenduro R 100 GS durch, die einschließlich der Fernreise-Version Paris-Dakar 2.195 Zulassungen für sich verbuchen konnte.

Dabei wurden für die R 100 R Rahmen, Tank, Sitzbank und Einarmschwinge samt Paralever-System, das als zusätzliches Gestänge die Lastwechsel-Reaktionen des Kardans auffangen soll, aus den Enduro-Versionen übernommen. Optisch fallen an dem Bike insbesondere die hochplatzierten Instrumente mit darunterliegendem Rundscheinwerfer und der markante Einrohr-Auspuff links auf. Klassisch muten der altbekannte Boxermotor und die runden Zylinderkopfdeckel an, die BMW zuletzt in den siebziger Jahren einbaute. Ansonsten präsentiert der luftgekühlte Einliter-Zweizylinder den letzten Stand des mittlerweile über siebzig Jahre gebauten Zweiventil-Motors: 980 ccm Hubraum, 44 kW/60 PS bei 6.500 U/min und ein maximales Drehmoment von 76 Nm bei 3.750 Kurbelwellenumdrehungen bieten tourengerechte Leistung.

Spontan startet der Twin, verlangt anfangs noch nach gezielten Choke-Einsatz und legt dann in uriger Boxer-Manier los. Mit aufgezogenem Gasgriff ist die Boxer-spezifische Schüttelphase unter 3.000 Touren schnell überwunden. Dann legt der Zweiventiler Drehmomentstark los und weckt die Freude am Fahren. Willig dreht das Aggregat zunächst hoch, doch jenseits der 6.000er Marke auf dem Drehzahlmesser wird Widerstand gegen noch mehr Beanspruchung der altehrwürdigen Konzeption laut. Doch hier geht es weder um die Höchstgeschwindigkeit von rund 185 km/h noch um "heiße" Drehzahlen: Fahren im großen Gang heißt vielmehr die "R"-Devise: die vierte Schaltstufe für die Stadt, den fünften Gang für außerorts und für die Schnellstraße.

Dabei gehen Überholmanöver auf der Landstraße souverän ohne Runterschalten über die Bühne. Und selbst zwischen zwei Kurven steht immer noch genügend Drehmoment bereit, um die Gerade schnell zu überbrücken. Das im Normalfall leichtgängig zu schaltende Fünfgang-Getriebe harmoniert gut mit der Durchzugsstärke der R 100. Unschön ist allerdings, dass die Gänge nicht immer exakt einrasten und die Schaltung auf dem Weg vom dritten in den zweiten Gang schon einmal unverhofft in den Leerlauf ohne Kraftanschluss gerät.

Die Reisegeschwindigkeit pendelt sich bei rund 120 km/h ein - nicht zuletzt wegen der unzeitgemäßen Trinksitten der Einliter-Maschine. Bei ruhiger Fahrt mit "Richtgeschwindigkeit 130" genehmigt sie sich unbescheidene 7,3 Liter bleifreien Normalbenzins. Der 24 Liter fassende Tank sichert bei durchschnittlich 6,8 Litern auf 100 Kilometern dennoch eine tourengerechte Reichweite von 300 Kilometern. Und je nach Reisetempo sind dem R-Piloten die Tankpausen nicht unwillkommen. Denn der Lenker ist hochgezogen und breit. Der Fahrer sitzt somit betont aufrecht mit stark angewinkelten Beinen und bietet dem Wind eine große Angriffsfläche. Auf der Landstraße kommt die Fahrfreude schnell wieder zurück. Hier bleibt die 218-Kilogramm-Maschine fest im Griff. Die ordentlich arbeitenden japanischen Federelemente meistern zudem auch schlechte Wegstrecken. Dabei geht die Spurstabilität bei korrekter Einstellung des sehr gut zugänglichen Federbeins keineswegs zu Lasten des Komforts.

Handlich ist das Bike, lenkpräzise auch und außerdem Schräglagen-freundlich. Das Aufstellmoment beim Bremsen in der Kurve lässt sich zwar nicht leugnen, erfordert aber kaum Gewöhnung. Unerklärlich ist dagegen, warum der Boxermotor auf Lastwechsel nun wieder spürbar reagiert. Mit der gleichen Paralever-Abstützung wie die GS-Enduro ausgestattet, quittiert die "R" Gaswegnahme oder Herunterschalten mit deutlicher Bewegung des hinteren Federbeines. Und die Scheibenbremse vorne, die quasi aus der halben Doppelscheibenanlage des BMW Topmodells K1 besteht, erfordert für eine ordentliche Verzögerung einen entsprechend harten Zugriff. Empfehlenswert ist die Bestellung der zweiten Bremsscheibe vorne. Denn so kommt eine der besten verfügbaren Bremsanlagen zusammen. Die Trommelbremse hinten verrichtet eher unauffällig ihren Dienst.

Ein dickes Lob verdient der Beifahrerplatz. Der Kontakt nach vorne ist optimal, die Fußrasten liegen nicht zu hoch und die Sitzbank ist gut gepolstert. Die großzügigen Zubehör-Ausstattungsmöglichkeiten von BMW mit Uhr, Heizgriffen, Gepäcktaschen und Abgasreinigungssystem werden im Falle der "R", die in der Basisausführung für 14.450 DM zu haben ist, noch um ein Chrompaket für rund 900 DM ergänzt. Die serienmäßige Ausstattung umfasst Ölkühler, Gepäckbrücke, die leider unpraktischen Bedienelemente der BMW K-Modellreihe und gutes Licht aus dem Rundscheinwerfer. Ein anderer Lenker, eine Dreischeiben-Bremsanlage und moderatere Trinksitten - und die BMW R 100 R wird auch in Zukunft ein gefragtes Bike sein.

Dieser Artikel aus der Kategorie MOTORRRAD wurde von Motor-Informations- Dienst (mid) am 08.05.2020, 11:26 Uhr veröffentlicht.